Anis Mohammed Yussuf Ferchichi betritt am 4. November 2005 mit Designer-Anzug, weißem Hemd und nobler Breitling-Uhr am Handgelenk das Landesgericht Linz. Er ist gekommen, um mit einer Diversion den Raufhandel, der sich im Sommer in der oberösterreichischen Landeshauptstadt ereignete, zu beenden. Doch, in diesen drei Monaten, seit der unrühmlichen Schlägerei, ist viel passiert. Ein Rückblick, und zugleich eine CD Kritik über einen Berliner Rapper, der mit seinem Stil und seinem Gehabe inzwischen ein Idol für tausende Jugendliche wurde.
Wenige Tage nach dem Vorfall, wurde Sonny Black festgenommen, um zwei Wochen in Linzer Untersuchungshaft zu leben. Dort hatte, der in Berlin groß gewordene, genug Zeit um über sich, sein Leben und seine Attitüde nachzudenken. Lieder wie „Staatsfeind Nr. 1“ und „Endgegner“ auf seinem neuen Album, behandeln diese Zeit ganz klar. Jedoch keineswegs mit großartiger Reue, nein. Er ist das Opfer, einer riesigen Verschwörung die da gegen ihm am Laufen ist, und wir haben eigentlich alle gar keine Ahnung was er da durchmachen muss. Er ist gefangen im Knast, dort wo andere Regeln herrschen. Weshalb er jedoch dort ist, wo er eben in diesen zwei Wochen war, scheint vergessen zu sein. Im Video zu Endgegner wird er sogar von hunderten Polizisten gejagt, alle haben es nur auf ihn abgesehen. So ganz unglücklich über die Situation scheint der Berliner aber doch nicht zu sein. „Die Deutsche Welle findet leider keinen Weg in den Knast“, einer der vielen Texte auf diesem Album, die seinem früheren Kollegen Fler gewidmet sind. Im Track „Die Stimme Der Nation“ sieht er sich sogar als zu unrecht beschuldigen Opfer der ganzen deutschen Jugendsituation, alles wird ihm vorgeworfen, an allem ist er schuld, obwohl er doch eigentlich nur das ausspricht was jeder von uns „drinne hat“.
Nach Carlo, Cokxxx, Nutten 2 freut sich der Fan natürlich, endlich wieder Songtexte mit Inhalt zu hören. Dahingehend sind sogar die drei bereits angesprochenen Lieder, eine klare Weiterentwicklung. Die Zeiten von „Ich fick deine Mutter“, scheinen derweil Geschichte zu sein. Auch das „Intro“ zu Staatsfeind Nr. 1 geht endlich wieder nach vorne, er scheint also im Knast auch wieder den Flow gefunden zu haben. Sonny Black ist jedoch, noch genauso das was die Teenies textlich von ihm wollen: Prollig, dick, primitiv, hart. „Waffendealer“ „Der Sandmann“ „Das Leben ist Hart“ „Hymne Der Strasse“ und „Wir Regieren Deutschland“ wollen zum wiederholten Mal festhalten, dass Bushido eben der größte und dickste von allen ist, und das eben die anderen sich verkacken sollen, er ist der Chef hier, ach ja, Studenten sind alle schwul, er beliefert sie an der Uni mit Drogen.
Anders, als beim Vorgänger Album liefert Anis hier jedoch auch recht brauchbaren Battlerap ab, der fast schon an das Niveau vom „Vom Bordstein bis zur Skyline“ rankommt. Jedoch, sind es auch genau diese Lieder, die nach mehrmaligem Hören enorm an Kraft verlieren, nur selten geht Bushido nach vorne, gibt Gas, Haut rein und ist gemeinsam mit dem Beat auf einer Welle. Gleiches passierte schon auf „Electro Ghetto“, es fehlt einfach etwas, um daraus Battlerap auf hohem Level zu basteln, wie beispielsweise Tone.
Die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern ist weiterhin ein großes Thema für Sonny Black. Dieses Mal hat er für uns sogar ein fettes „Ami-Feature“ auf die Platte gepackt, ein ganz klarer Fehler: Der Part von „J.R. Writer“ zündet überhaupt nicht. Richtig gut klingt dagegen, das Werk mit neuem Busenfreund EKO, hier machen die beiden alles richtig, wenn sich da nicht Ekrem Bora mit ein paar Wörter ganz klar selber abschießen würde „Ich Verbrenne deine deutsche Fahne“. Wenn am Album nicht gerade Raptile oder die Beginner in den Dreck gezogen werden, dann ist es eben wieder einmal Frank White. Arm.
Wie in Sido Manier, gibt es auf Staatsfeind Nr. 1 auch mal lustige Tracks, die sogar danach schreien nicht ernst genommen zu werden. „Ab 18“ und „Der Bösewicht“, beide mit Saad, sind genau richtig und werden auch nach mehrmaligem Hören nicht ein bisschen schlecht.
Anis Mohammed wurde nach den besagten zwei Wochen aus der Untersuchungshaft, für eine Kaution von 100.000 (!) entlassen. Wieder in Freiheit begann er das Gewesene so gut wie nur möglich zu vermarkten: Das Album soll „Staatsfeind Nr. 1“ heißen, im Video zu „Endgegner“ ist er der Unschuldige der von den Polizisten gesucht wird, seine Tour bekommt den Titel „Gegen Kaution“ und einige Interview müssen gegeben werden, um seine Ansichten weiter zu verbreiten, jetzt hat er schließlich mehr Gehör als jemals zuvor. In so einem, ließ er uns dann auch wissen, dass er im Knast, viel Zeit hatte ruhige und „deepe“ Tracks zu schreiben. Er ist ja auch nur ein Mensch, wie er bereits früher mal so schön sagte: „Weißt du, wir sind auch nur Menschen, wenn wir ne Freundin haben, und die dann weg ist, dann haben wir auch so Liebeskummer, ist ja ganz klar, weiß du.“
Ob diese besagten Lieder nun im Gefängnis geschrieben worden sind, oder eben doch zuhause bei seiner Mutti, die ihm auch noch mit 27 Jahren, die Klamotten sauber macht, ist eigentlich egal. Es sind genau diese fünf Lieder, die Staatsfeind Nr. 1 zum tiefgründigsten und persönlichen Album von Bushido machen. Waren es früher gerade mal zwei bis drei halbwegs ruhige Tracks, so haut Anis dieses Mal eine volle Ladung Emotionen auf den Longplayer.
„Engel“ behandelt das Thema „Eltern sein“ und Erziehung. Er ist eben dieser Engel, der dafür sorgt dass alles wieder in Ordnung geht, der immer bei uns ist, indem er zuerst dem Kind, danach der Mutter Hoffnung ausspricht. „Sieh in meine Augen“ mit D-Bo und einem schönen Klavier-Beat, zeigt Hoffnungslosigkeit und eine ungemeine Kraft in den Sätzen. „Augenblick“ behandelt das Ende von Beziehungen, den Tod und Glauben, verpackt in einer wunderschönen tragischen Geschichte. „Bis Wir Uns Wiedersehen“ mit Cassandra, ist eine Liebeserklärung vom Gefängnis aus. „Mein Leben“, eines der besten Bushido Lieder, handelt über den golden Schuss, den Tod, jedoch auch über Hoffnung und Aufstehen. „Ich hab die Zeit vergessen, ich will mich einfach nicht mehr erinnern, deshalb renn ich einfach weg von meine Frau und meinen Kindern. Ich zieh den Gürtel um den arm bis ich die Venen seh, und bete das ich heute endlich aus dem leben geh“. Chakuza macht seine Arbeit hier perfekt, Respekt.
Den Abschluss des Albums macht ein Cover von Joan Bbaez, eine verzerrte künstige Stimme säuselt da „I'll be damned / Here comes your ghost again / But that's not unusual
It's just that the moon is full / And you happened to call” vor sich hin. Das ganze ist schlichtweg genial, der Beat bohrt sich ins Herz, die Stimme und der Text tun das restliche.
Nun ist er also wieder frei, der Staatsfeind. Der ganze Spass hat Anis 20.000 Euro gekostet. Geld, was er spätestens nächste Woche, wenn sein Album hoch in den Charts einsteigt, wieder haben wird, das ganze war sogar eine ganz große Promoaktion. Die Kinder haben ihr Idol, der großer deutsche Rapper, der im Knast war, Drogen vertickt und Frauen wie Dreck behandelt. Die andere Seite sehen nur wenige, man nimmt sie ihm aber auch oftmals nicht ab, da er eben lediglich das Primitive in Interviews preisgibt, das Beschränkte.
„Staatsfeind Nr. 1“ ist einen Tick besser wie „Electro Ghetto“, Grund sind eben diese große Zahl von Ruhigen, Tiefgründigen, Starken Lieder. Absolut positiv entwickelt hat sich Saad auf diesem Album, ein paar Jahre noch und eine Soloplatte von ihm, würde zünden. Vergessen darf man aber auch nicht, die Lieder, die schon nach mehrmaligem Hören uninteressant werden, und somit das Gesamtwerk niemals an „Vom Bordstein bis zur Skyline“ heranreichen wird.
Anis Mohammed Yussuf Ferchichi wird wohl nie verstehen, das er mit seinen Texten, seiner Stimme und seinem Flow weit mehr erreichen und schaffen kann wie bisher, dass er, wenn er denn endlich mit diesem Ghetto Müll aufhört ein ganz großer sein könnte. Dumm ist er nicht, er fühlt sich nur recht wohl in der Einfachheit seines kleinen Kartenhauses.
6 / 10